Die Freien Völker

Die sogenannten Freien sind das abgelegene Urvolk von Noras, das inzwischen in das Nebelgebirge und darüber hinaus vertrieben wurde und dort ein meist nomadisches, naturnahes Leben führt. Sie selbst nennen sich „Die Freien“, wobei Norasier manchmal auch von den „Stämmen der Freien Völker“ sprechen. Allgemein nennt man sie aber auch häufig „Die Wilden“ oder „Barbaren“. Dabei sehen nur andere Völker, wie die Norasier oder die Zwerge, die Freien als einen Sammelbegriff. In Wahrheit bestehen sie aus einer großen Menge von Stämmen, die sich in Lebensweise und Auslegung der Philosophie teilweise so stark unterscheiden, dass man normalerweise nicht von einem Volk sprechen würde.

 

Viele von ihnen vertreten die Meinung, dass Bebauung, Urbarmachung und generell jedwede Veränderung der Natur ein hoher Frevel ist, der umgehend korrigiert werden muss. Dabei greifen sie notfalls auch zu radikalen Mitteln – so litten die ersten Siedler Noras‘  bereits beinahe seit Beginn der Aufzeichnungen unter ihren Angriffen und haben sich das Land erst über die Jahrhunderte erkämpft. Der letzte größere Kampf wurde vor zweihundert Jahren in der Grafschaft Falkenstayn geschlagen und die Freien endgültig in das Nebelgebirge getrieben.

Nachdem die Stämme über die Jahre und Jahrhunderte über vom norasischen Volk immer mehr verdrängt und vertrieben wurden, finden heute Überfälle und kämpferische Auseinandersetzungen nur noch vereinzelt in den Grenzregionen der Grafschaften Galen und Falkenstayn statt. Auch auf der Bäreninsel soll es noch einen kleinen Stamm geben, der sich wie ihre Verwandten auf dem Festland auch hier ins Gebirge zurückgezogen haben.

 

Die Stämme kennen keine feste Anführerschaft und identifizieren sich vor allem durch ihre Freiheit. Schon allein ihrer Ansichten wegen führen sie ein einfaches und wenig zivilisiert fortgeschrittenes Leben. Sie kennen keine eigene Schrift und wohnen meist nur in einfachen Behausungen. Ihre Kleidung besteht vorwiegend aus Fellen und Leder und ihre Nahrung beziehen sie aus dem Jagen von Wild und Sammeln von Pilzen und Beeren.

Allgemein gilt das Volk der Freien und deren Art zu Leben in Noras als weitestgehend ausgestorben.

In jüngster Zeit sind einige von ihnen nach einem Friedensabkommen mit dem damaligen Grafen Faris von Falkenstayn über die Grenzen des Nebelgebirges gekommen, werden aber nur in dem Jarlstum Falkenstayn, welches unter direkter Herrschaft des ehemaligen Grafen steht, toleriert.

 

Grundlagen des Denkens

Ein Freier hat kein Konzept von Verpflichtungen wie man sie einem Herrn oder Herrscher gegenüber hat. Eine Person bestimmt das eigene Handeln selbst und diese Entscheidungsfreiheit zu beschränken ist wider die Natur. Hierbei ist ein hohes Maß an Akzeptanz gegenüber den Entscheidungen Anderer nötig, welche von Außenstehenden manchmal als Gleichgültigkeit empfunden werden kann. Kleine Zweckgemeinschaften mit individuellen freundschaftlichen Bindungen stehen im Kontrast zu den großen Gesellschaften mit Hierarchie und Politik in Noras.

Den Freien ist dabei die eigene Freiheit und damit die Verwirklichung individueller Wege sehr wichtig, wichtiger als beispielsweise eine Stammeszugehörigkeit des Blutes wegen. Generell sind Unterschiede zwischen Menschen der Abstammung wegen den Freien fremd. Selbstredend ist damit wohl auch, dass es bei den Freien kaum Anführer gibt und falls doch einmal, dann für meist kurze Zeit. Das ist auch dem „Anführer“ bewusst, denn immerhin kommen auf drei Freie vier Meinungen. Man kann sich natürlich entscheiden einem Rat zu folgen und jemand im Allgemeinen für schlau zu halten, aber einen Befehl in dem Sinne gibt es unter ihnen nicht oder selten.

 

Kein  “Hallo” sondern Tauschen

Allgemein nimmt sich der Freie einfach zur Kenntnis – ein “Hallo” oder “Guten Tag” ist als verbaler Ausdruck dafür eher unüblich, wenn auch nicht unbekannt. Wenn man sich jedoch lange nicht gesehen hat, begrüßt man sich häufig, indem man etwas tauscht. Ohne Währung oder ähnliches hat das Tauschen einen hohen Stellenwert in der Kultur der Freien. Wenn man also jemanden wiedersieht und mit ihm tauscht, ist das eine höhere Wertschätzung als ein “Guten Morgen” für einen Freien je sein könnte. Dabei werden nicht zwangsläufig Dinge getauscht, die einen offensichtlichen „Wert“ haben. Es kann sich auch um einen Stein oder eine Muschel handeln. Besonders beliebt sind Dinge, denen eine Geschichte anhaftet.

 

Viel Verantwortungsgefühl, aber keine Ehre

Dem Glauben an das Alles und an die Freiheit eines Jeden ist es verschuldet, dass die Freien ein hohes Verantwortungsgefühl für ihre Umgebung empfinden. Dazu gehören auch Menschen, die ihnen nahestehen. So sehen sie es in ihrer  Verantwortung nicht nur ihre eigene Freiheit zu erhalten, sondern auch die Freiheit ihrer Mitmenschen und natürlich der Natur selbst. Dies steht im Kontrast zum Ehrgefühl, welches in vielen Kulturen verankert ist, denn Ehre hat immer auch etwas mit Verpflichtung zu tun. Unter den Freien gibt es demnach kein ehrloses Handeln, sondern nur das Vergehen an dem Alles.

 

Streitkultur

Auch der Bezug zu Gewalt ist ein Anderer. Von einer rauen Umgebung geprägt führt ein freies Leben ohne richtige Anführer schnell zu Streit. Deshalb hat sich früh eine Tradition gebildet, die Streitigkeiten schnell aus der Welt schafft: Man prügelt sich. Dabei geht es weniger darum, wer gewinnt und oft gesteht der Sieger dem Verlierer zu, dass er Recht hatte, sondern es geht viel mehr darum, die Emotionen in diesem gewaltsamen Aufeinandertreffen zu entladen um danach mit kühlerem Kopf heraus zu kommen. Hierbei ist es üblich keine Waffen, außer seinen eigenen Körper zu benutzen. Wer dabei so brutal vorgeht, dass er anderen dauerhaften Schaden zufügt, muss damit rechnen von anderen Freien gemieden zu werden. Schamanen beteiligen sich meist nicht direkt an diesen Kraftentladungen, sind aber häufig die, die diese anleiten und begleiten, um so Konflikte ihrer Schützlinge zu lösen. Der Respekt vor den Schamanen sorgt somit meist schon dafür, dass die Kämpfe nicht ausarten. Es ist üblich nach einer solchen Auseinandersetzung etwas zu essen, oder seinen Becher zu teilen, als Zeichen für das gegenseitige Vertrauen.

Wenn es aber doch einmal zu ernsterer Gewalt kommt, ob nun unter Freien oder nach außen hin, so ist dem Freien der Krieg als Konzept fern. Immerhin braucht man für einen Krieg zwei feste Gruppen, die man bei den Freien vergeblich sucht. Stattdessen spricht man auch hier meist von der Jagd oder einfach nur einem Kampf.

 

Brauchen statt Besitzen

Da alles und jeder Teil des Alles ist, gibt es für den Freien keinen Besitz im eigentlichen Sinne. Man gesteht dem Mann die Kleider am Leib zu und auch der Jäger wird das Fell seiner Beute erst einmal behalten, jedoch ist bis auf dieses lose Gefühl ein anderes Prinzip wichtiger: Das des Brauchens. Die Frage ist nicht ob es dir gehört sondern ob du es brauchst.

Es ist Teil des guten Tons Dinge zurück zu geben wenn man Sie nicht mehr braucht und sich nicht mehr zu nehmen als nötig. Man achtet darauf, dass eine fremde Sache nicht gebraucht wird bevor man sich diese nimmt.  Allgemein ist dem Freien die Gier fremd.
So lässt sich auch der ein oder andere Raubzug in den Süden verstehen. Immerhin ist eine volle Kornkammer oder zehn Kühe, für das Verständnis der Freien mehr als derjenige braucht. Für einige wäre es dabei auch völlig normal ein Haus durch Feuer und einen Siedler durch die Klinge dem „Alles“ wieder zuzuführen.

 

Die große Versammlung

Einmal im Jahr reisen viele der Freien zu einer großen Zusammenkunft an die „Speerspitze des Halbmonds.“ Diese befindet sich an der Stelle wo der Bergstrom sich in den Zufluss des Halbmond-Sees und den Zufluss des Spiegelsees gabelt. Der Halbmond-See ist in Noras unbekannt, die Zwerge jedoch nennen ihn Kall'amad, was in der gemeinen Sprache Kaltquelle bedeutet.

Die Versammlung findet immer genau zwölf Vollmonde nach der Letzten statt. Viele Schamanen markieren auf einem rituellen Mondholz, im Regelfall einfach ihr Wanderstock oder ein anderes Stück Holz, welches sie bei sich tragen, wie lange es noch bis zur nächsten ist.

Das Treffen dient vielerlei Zwecken. Zunächst gibt es hier einen regen Informationsaustausch, denn es ist nicht unüblich, dass einige Stämme das ganze Jahr über keinen anderen Menschen begegnen. Neuigkeiten über Jagdgründe, Wetter und auch Geschehnisse im Süden oder bei den Zwergen sind wichtige Themen. Weiterhin ist es eine Art großes Fest bei dem sich alte Freunde wiedersehen und neue Bekanntschaften geschlossen werden. Vor allem in den letzten Jahren und Jahrzehnten hat die große Versammlung an Wichtigkeit gewonnen. Die Zahl der Freien wird immer geringer und die Gefahren aus Richtung Noras wachsen, wodurch ein Zusammenhalt unter den der Freien umso wichtiger wird. Dies ändert jedoch nichts daran, dass noch immer blutige Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen stattfinden.

 

Eine gänzlich andere Familienstruktur

Die Freien kümmern sich kaum um Blutlinien oder Verwandtschaft. Wer frei ist und wie die Freien lebt, ist ein Freier. Wer sich die Freundschaft und das Vertrauen einer Gruppe verdient hat, gehört zu ihnen, wenn er dies will.

Auch ist man nicht von Geburt an eine Gruppe gebunden. Gerade Jugendliche nutzen oft die große Versammlung, um sich einem anderen Stamm anzuschließen. Dies kann dauerhaft sein oder auch nur für eine gewisse Zeit bestehen, bis sie zu ihrem ursprünglichen Stamm zurückkehren, oder sich einem anderen anschließen.

Die Freien kennen auch keine Ehe so wie die Menschen des Südens. Man geht eine Verbindung mit einer oder mehreren Personen ein, so lange man möchte und trennt sich danach wieder. Gerade während der großen Versammlung gibt es einen Austausch zwischen den Stämmen, durch welchen die Vaterschaft von Nachkommen oft nicht eindeutig geklärt werden kann.

Die Freien haben außerdem ein anderes Verständnis für die Beziehung von Eltern und Kindern. In erster Linie ist ein Kind das Kind des Stammes, und die ganze Gruppe kümmert sich gleichermaßen. Dies ist vor allem wichtig, da die leiblichen Eltern oft kurz nach der Geburt wieder auf die Jagd gehen müssen, um für die Ernährung des Stammes zu sorgen. Die Kinder verbleiben im Stamm und werden gemeinschaftlich von den Älteren und den nicht jagenden Stammesmitgliedern betreut. Es kommt allerdings auch vor, dass monogam lebende Paare sich dazu entscheiden, das Leben nur miteinander zu führen und auch ihr Kind selbst aufzuziehen.

 

Kleine Sitten und Bräuche

–  Der übliche Trinkspruch der Freien lautet: Auf Alles!

–  Met nennt man Traumhonig. Wein nennt man Traumbeeren.

–  Die Freien hinterlassen auf ihren Reisen gerne kleine Steinhaufen als Symbol für die Menschen die an diesem Ort waren.

–  Wenn die Nächte am längsten sind, errichtet man ein großes Feuer, um die Dunkelheit zu vertreiben und die Sonne wieder herbeizurufen. (Dies ist eine Sitte, die die Freien unbewusst mit den Anhängern Rhenjirs teilen.)

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