Die Geschichte von Gishild

Aus „Die Reisebücher des Ahmad Ben Rahid Ben Salah“, reisender Händler und Diplomat der freien Städte des Südens, ab Seite 56:

„Viel durfte ich sehen und erleben unter der Sonne Q’Amars, seid er bestimmte, dass ich sein Licht erblicken soll. Viele Menschen traf ich auf meinen Wegen durch ebensoviele Länder. Doch was ich sehen durfte, als mein großzügiger und weiser Shah Darayavahush mich über den großen Ozean in den Norden schickte, war anders. Im Jahre 4067 seid der Schöpfung der Welt sollte ich mich aufmachen zu einem fernen Land, das Noras genannt wurde. Seinen Namen hörte ich nur einmal zuvor – mein Freund Amon al Hashid erwarb einen Sklaven, der ihm von den Freibeutern der nördlichen See verkauft wurde. Sein Name war derart unaussprechlich, dass wir ihn alle nur „Zában Tarak“ nannten – die gebrochene Zunge. Der Kapitän des Freibeuterschiffes sagte meinem Freund Amon, dass er ihn aus einem Land hätte, das kalt und primitiv sei – die Menschen lebten unter Schweinen und würden ihre Abfälle vor die Tür leeren, um am nächsten Morgen wieder hineinzutreten. Der Name dieses Landes sei Noras. Ich beschloss, niemals dorthin zu gehen.

So es nun der Wunsch meines Shahs war, mit diesen Menschen zu handeln, ging ich in einem Sommer in einem Dorf an Land, das alle meine Befürchtungen übertraf – die Menschen lebten nicht unter Schweinen, die Schweine lebten in den Behausungen der Menschen! Sie schliefen sogar in einem Raum mit ihnen. Die Häuser waren niedrig und schief, wie von Kinderhand aus Lehm geformt. Die Männer, groß von Statur, waren ungehobelt und gewalttätig, die Frauen nicht minder – wenn auch etwas schöner anzusehen. (…)

Man brachte mich also in Begleitung des Jarls von Gutbur zu ihrem König, der entscheiden sollte, wie mit mir zu verfahren sei. König Siegfried sah immerhin etwas mehr nach dem aus, was man einen Herrscher nennt, und gewaschen hatte er sich anscheinend vor nicht allzu langer Zeit. Er hatte wache Augen und einen scharfen Verstand, das muss ich wohl sagen. Doch ließ man mich nicht sprechen – in ihrer seltsamen, harten Sprache, die die Ohren eines jeden beleidigen muss, dem die Klänget unseres Südens so vertraut sind, beredeten sie sich – zeigten hin und wieder in meine Richtung. (…) Der König erhob sich, sah mich an und grinste. Dann ging er. Mein Begleiter und Dolmetscher sagte mir später, als man mich wieder zu ihm ließ, dass es Krieg gäbe. Und dass ich ihn erleben sollte. Dann würde man entscheiden, ob es einen Handel gibt.

(…) Der Morgen der Schlacht. Bregor von Iysenfall rückte schließlich auf Hohenfels zu, Siegfried gedachte ihm zu begegnen. Gnädigerweise dachte man mir einen Platz auf dem Hügel, bei dem Ärzten und Heilern zu. Und bei den Frauen und Kindern, die das Dorf nicht mehr verlassen konnten. (…) Die Schlacht tobte fürchterlich. Viele waren bereits gefallen, die Linien gebrochen. Bregor von Iysenfall hatte den Platz gut gewählt und bereits Tage vor dem Kampf Verstärkungen im Wald verborgen. Es war hoffnungslos. Der König war bereits gefallen, seine Männer sammelten sich im Dorf oder flohen heillos. Doch die Verwundeten konnten nicht fliehen, ebenso die Heiler. Auch nicht die Männer, die sie schützten. Und so auch ich. Die kleine Schar Verlorener bestand aus dem Jarl von Kjetvar und seinen Männern. Und auch seine Frau, Gishild, war unter ihnen – erledigte in eine Heilerschürze gekleidet Männerarbeit. Sie war nicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, am Abend zuvor hörten wir den Streit, in dem sie ihrem Gatten zu verstehen gab, dass sie dort sein würde, gleich was er befiehlt. Auch dies ist etwas, das ich an diesem Land nicht zu verstehen vermag – sind denn die Männer nicht fähig, ihre Frauen zum Schweigen zu bringen, wie es sich gehört? Doch dass ihre Frauen anders zu sein scheinen, als unsere – das sollte ich erfahren.

Die meisten Soldaten des Feindes sammelten sich zum letzten Sturm auf das Dorf oder plünderten bereits die Gefallenen. Einige warfen jedoch ein Auge auf unsere Schar und sahen sie wohl als leichte Beute. Der Herr von Kjetvar und seine Männer fochten tapfer, doch nach und nach fiel der Großteil von ihnen unter den Äxten und Speeren des Westens. Als wir dann sahen, wie Bregor von Iysenfall selbst den Hügel herantritt, wähnten wir uns verloren. Zu ihrer Schande flohen bereits einige der Kämpfer, die die wehrlosen schützen sollten – das Pferd des Jarls wurde von einer Klinge gefällt, er selbst unter ihm begraben. In diesem Augenblick der Schmach, in dem wir dem Tode näher waren als dem Leben, ergriff Gishild den Speer eines Gefallenen und stellte sich vor ihren Mann. Sie tötete den Soldaten, der ihren Mann fällte und schrie den Fliehenden Flüche und Schmähungen hinterher – getroffen von der Scham, von einer Frau in den Schatten gestellt zu werden, kehrten sie zurück und scharten sich um Gishild. Und bei der Sonne Q’Amars, sie bot wahrlich einen inspirierenden Anblick – Kleidung und Hände blutverschmiert, den Speer in festen Händen und mit Mord im Blick war sie ein Abbild der Kriegergöttin, die die Geschicke der Schlachten in diesen Landen in Händen hält. Und das, auf das niemand mehr hoffen durfte, gelang – wir hielten stand. Bis der Herr von Iysenfall den Hügel erreichte, und seinen Soldaten befahl, sich zurückzuziehen.

Soll man einiges über den Schlächter dieses Tages sagen, doch der Großjarl ergriff persönlich die Zügel des Pferdes, dass den Mann Gishilds begrub, und half ihn zu befreien. Er sprach seine Bewunderung vor dieser Frau aus und das es eine Schande wäre, sie zu töten, angesichts der Kinder, die sie der Zukunft schenken würde. (…) Und sie (Gishild) wurde die erste der Schildmaiden genannt, die fortan die Gefallenen und Verwundeten vor Übel schützen sollten in der Schlacht – auf dass der Mut einer aufrechten Frau einen jeden Mann inspirieren sollte.

Nachdem der verstorbene König Siegfried zu Grabe getragen wurde, wohnte ich der Krönung des neuen Königs bei – einem Mann namens Gerhard. Dieser beschloss, dass die Zeit reif sei, den Handel zwischen unseren Völkern zu besiegeln. Und er sandte mich in meine Heimat. Zuvor lernte ich jedoch die Gastfreundschaft dieses Landes kennen – denn jene, die sie für ehrenhaft und würdig erachten, nehmen sie in ihrer Mitte auf. Ich bekam ein gutes Lager und ein Fest wurde gefeiert zu meinen Ehren. Ich saß an der Seite des Königs und scherzte, diskutierte und aß mit ihm. Und schließlich, nach einigen Tagen, als ich die Küste dieses Landes am Horizont versinken sah, kam ich nicht umhin, die Menschen zu achten, die diese Erde formte. Nichtsdestotrotz freute ich mich auf zivilisiertere und sauberere Gesellschaft.“

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