Die feindlichen Brüder

Fassung nach der „Sammlung alter Lieder“, zusammengetragen von Gerard von Bingen, im Jahr 967.

„In der Burg Akershus wuchsen die Brüder Leif und Hagen aus dem Geschlecht der Beyer auf. Ihr Vater Utgar erzog seine Söhne göttergefällig und ehrenvoll, wie es seinem Stande gebührt. So wuchsen Leif und Hagen in Eintracht und brüderlicher Freundschaft auf. Bis zu dem Tag, da beide Brüder ein Auge auf Halva Olafsdottir warfen. Im Streit um jenes Weib, das beiden gleichermaßen den Kopf zu verdrehen wusste, gerieten Leif und Hagen in Streit. Noch immer in brüderlicher Liebe verbunden, und im Wissen dass Halva eher seinem Bruder als ihm selbst zugetan war, ließ Leif dem jüngeren Hagen schweren Herzens den Vortritt.

Zu Ehren der Vermählung von Hagen und Halva – und dem gleichzeitigen Auszug Leifs aus der Burg seines Vaters – ließ Utgar auf der anderen Seite des Flusses, in Sichtweite zueinander, zwei Burgen errichten. Die größere taufte er Bergen und sie war dem Brautpaar zugedacht. Der kleineren, jedoch mächtigeren Burg gab er den Namen Isegran und Leif war fortan ihr Herr.

Hingerissen zwischen der Freude für seinen Bruder und dem Kummer einer verlorenen Liebe, beschloss Leif nun, seinen Wert als Mann im Kampf zu beweisen. Und so schloss er sich dem Herrn von Saale an, der sich den Kampf gegen die Stämme der Wilden auf die Fahnen geschrieben hatte. Denn das Volk litt schrecklich unter den Überfällen der feigen Hunde aus den Bergen und Wäldern. So zog Leif Jahr um Jahr mit seinem Herrn und mehr und mehr Geschichten über seine Tapferkeit wurden laut. Und sie drangen auch an das Ohr von Hagen. Dieser wollte nun nicht hinter seinem Bruder zurückstehen und machte sich ebenfalls auf, nicht jedoch gen Norden gegen die Wilden. Er hob eine Flotte aus und machte Jagd auf die Piraten im Süden des Reichs. Und auch über ihn hörte man nur Gutes. Bis zum Tage seiner Rückkehr. Denn als Hagen siegreich in sein Heim zurückkehrte, wo sein Weib sehnsüchtig auf ihn wartete – da sah ein jeder die neue Frau an seiner Seite. Eine Schönheit, fürwahr – mit kupferner Haut und edlem, schwarzen Haar. Und so verstieß Hagen seine einstige Liebe, und nahm sich sein neues Weib zur Gattin. Halva nun kehrte zurück in die leere, kalte Halle ihres Vaters, längst dahingerafft von Alter und Gebrechen. Und so fristete sie ihr Dasein allein.

Bis zu dem Tage, da Leif vom Kriege zurückkehrte. Denn als er dem gewahr wurde, was Hagen getan, da vergaß er alle Bruderliebe. Mit dem Heft in der Hand trat er vor ihn und forderte ihn – und in seiner Wut trennte er Hagen drei Finger von der linken Hand. Dann jedoch, bevor das Schlimmste geschah, fuhr Halva zwischen sie und flehte um Gnade für ihre alte Liebe. Und damit nie wieder ein Streit um sie entbrennen könne, schloss Halva sich den Schwestern im Kloster des Belenor an. Denn nun gehörte sie wahrlich zu niemandem mehr.

Die Brüder hingegen vergaben sich nie. Und in Gram und Wut und bitterer Erinnerung lebten sie fortan in Nachbarschaft. Niemals nahm Leif sich eine Frau, denn keine andere als Halva wollte er. Und niemals gebar der Schoss von Hagens Weib Leben – die Strafe für seine Ehrlosigkeit und seinen Verrat, sagt der Volksmund. So starb also das Geschlecht der Beyer.“

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